Forschungsgruppe ORCOS
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WOZU
Journal für wissenschaftliche Forschung Nr. 12/6.98
pp. 30-33


Das Sterben in der Wiener Drogenszene wurde in jüngster Zeit zwar leicht eingebremst, von einer echten Entspannung zu sprechen, wäre aber übertrieben. Die Schwierigkeit der Politik besteht vor allem darin, auf neue Trends rasch zu reagieren und die vorhandenen Geldmittel effizient einzusetzen. Ein an der Technischen Universität Wien entwickeltes dynamisches Modell konnte helfen, die Mechanismen des Drogenmarktes zu analysieren und die Ressourcen zwischen Drogenfahndung, Therapie und Prävention möglichst optimal zu verteilen.


Fünf- bis sechstausend Menschen sind in Wien schwer drogenkrank, 122 von ihnen sind 1996 an der sogenannten Opiatüberdosierung gestorben. Im Jahr davor waren es 132 gewesen. Österreichweit zählt die Opferstatistik 230 Tote, die an d en direkten oder indirekten Folgen des Suchgiftkonsums gestorben sind. Das bedeutet erstmals eine leichte Entspannung der Situation, immerhin ist die Zahl der Suchtopfer nicht angestiegen. Unverändert alarmierend ist indes das durchschnittliche Sterb ealter, denn es liegt bei 28,9 Jahren - die Betroffenen haben also nicht einmal ihre "besten Jahre" erlebt.

Der Wiener Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder ist zwar zufrieden mit der Tatsache, daß es gelang, das Ausufern der Drogenszene, wie es in anderen europäischen Städten geschehen ist, zu verhindern, sieht in der Bilanz aber "keinen Grun d, sich selbstgefällig zurückzulehnen". Die freiheitliche Rathaus-Opposition hingegen übt scharfe Kritik an der Stadtregierung und bezeichnete den Wiener Drogenbericht als Bankrotterklärung und verlangte eine "Aktion Scharf&q uot; - konkret einen massiveren Einsatz der polizeilichen Fahndungsmethoden und die Einstellung der kontrollierten Abgabe von Suchtgiften - in der Bekämpfung der Drogenproblematik.

Keine einfachen Lösungen

So einfach ist die Lösung des latenten Drogenproblems allerdings nicht, denn auch Drogen unterliegen dem Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage. Je mehr "Stoff" auf dem Markt erhältlich ist, desto niedriger wird etwa sein Preis. Damit nimmt aber nicht nur die flächendeckende Verfügbarkeit zu, sondern es steigt auch die Zahl der Konsumenten. Je effizienter der Warenzufluß mittels Polizeikontrollen unterbunden wird, desto schwieriger ist es wiederum, an die tä gliche Dosis heranzukommen. Es steigt nicht nur der Stückpreis, sondern meist auch die sogenannte Beschaffungskriminalität der Abhängigen. Damit beginnt sich eine Spirale zu drehen, aus der es ohne Hilfe von berufener Stelle kaum einen Ausw eg gibt. Drogensucht steht allerdings nicht nur für Leid und Elend der Betroffenen, satte Gewinne für die mafios organisierten Händler, sondern auch für hohe Kosten, die der Volkswirtschaft im Gesundheits- und Sozialwesen, der Exekutiv e und dem Strafvollzug entstehen.

Wie bei der Kriminalität auch, handelt es sich hier um ein komplexes Phänomen, mit dessen Untersuchung sich eine Reihe von Wissenschaften befaßt: Kriminologie, Recht, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und andere mehr.

Angesichts steigender Kosten im Sicherheitsbereich und des Sparkurses der weltweit verschuldeten Staatshaushalte gewinnt der ökonomische Zugang zur Verbrechensbekämpfung wachsende Bedeutung. Das betrifft auch die Drogenpolitik massiv insofern , als die personal- und damit kostenintensiven Maßnahmen zur Bekämpfung des Drogenproblems zunehmend begrenzt zur Verfügung stehen und deshalb möglichst effizient eingesetzt werden müssen. Daß Wirtschaftlichkeit, respektive Sparsamkeit, nicht automatisch heißt, daß in der Praxis eine schlechte Drogenpolitik gemacht wird, beweist das Forschungsprojekt "Dynamic Law Enforcement", das vom Institut für Ökonometrie, Operations Research und Systemth eorie an der Technischen Universität Wien durchgeführt und vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt wird.

Hohe soziale Kosten

Das Forscherteam unter der Leitung von Gustav Feichtinger untersucht die ökonomischen Aspekte kriminalpolitischer Problemstellungen, konkret der Drogenkriminalität. Darüber hinaus werden dynamische Modelle zur Bekämpfung sogenannter "opferloser Verbrechen", wie zum Beispiel Drogenkonsum und Korruption entwickelt, die der Gestaltung effizienter Politikdurchsetzung dienen sollen. Anhand empirischer Daten zur Drogenkriminalität in den USA - österreichische stehen le ider nicht ausreichend zur Verfügung - sollen diese überwiegend mathematischen Modelle validiert werden. Die österreichischen Forscher arbeiten dabei eng mit Jonathan P. Caulkins von der John Heinz III School of Public Policy and Management an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh zusammen, der in den USA auch bei der Evaluation von Gesetzesentwürfen mitwirkt. "Da wir weder von den Vereinten Nationen noch von heimischen Institutionen Zugang zu aussagekräftigem Zahlenma terial bekommen haben, mußten wir auf US-amerikanisches Datenmaterial zum Kokainproblem zurückgreifen", erklärt Gustav Feichtinger die schwierige Ausgangssituation der Forscher. Daraus ließen sich aber durchaus realistische Schl üsse für Österreich und Europa ziehen, ist Feichtinger überzeugt.

Zunächst wurden mehrere sich inhaltlich unterscheidende dynamische Modelle zur Drogenbekämpfung untersucht, ehe gemeinsam mit Caulkins jene zur optimalen Drogenkontrolle entwickelt wurden. Die Daten, die von amerikanischen Behörden zur V erfügung gestellt wurden, zeigen etwa, daß allein die ökonomische Dimension das Drogenproblem zum "global habit" gemacht hat. Es ist enorm kostenintensiv darf nicht bagatellisiert werden - von den sozialen, gesundheitlichen und individuell menschlichen Aspekten einmal abgesehen. So betrugen die mit dem Kokainkonsum assoziierten sozialen Kosten 1992 bereits mehr als 33 Milliarden US-Dollar, der Kokainkonsum lag damals bei geschätzten 291 Tonnen. Derzeit werden allein für die Kok ainkontrolle in den USA jährlich 15 Milliarden Dollar ausgegeben. Darüber hinaus wurden drei verschiedene Drogenkontrollinstrumente untersucht:

  • Präventionsmaßnahmen, die den Einstieg in den Drogenkonsum a priori verhindern sollen bzw. Gelegenheitskonsumenten, sogenannte "Light-User", davon abzuhalten, zu "Heavy-Usern" zu werden.
  • Drogenpolizeiliche Maßnahmen, die in erster Linie in die Mechanismen des Drogenmarktes eingreifen, indem sie das "Berufsrisiko" der Dealer erhöhen, weil diese ihr gesteigertes Risiko in Form einer Drogenpreiserhöhung an die Süchtigen weitergeben. Die Süchtigen wiederum reagieren mit einem geringeren Konsum. "Dieses Phänomen wird von den österreichischen Behörden übrigens angezweifelt, während es in den USA indes mehrfach bestätigt wurde", sagt Projektmitarbeiter Gernot Tragler.
  • Therapeutische Behandlung von Süchtigen, die bei Erfolg zu einer Abstinenz von der Droge führt.

"Unsere dynamischen Modelle zielen nicht darauf ab, den politischen Kurs der derzeit gemachten Drogenpolitik zu kritisieren",

sagt Feichtinger. Vielmehr sollen Lösungsmodelle angeboten werden, mit denen – insbesondere in Zeiten eingeschränkter finanzieller Ressourcen der öffentlichen Hand – ein vorgegebenes oder nicht eingeschränktes Budget in einem dynamischen Interaktionsprozeß zwischen den oben genannten Drogenkontrollinstrumenten so verteilt wird, daß ein optimaler "Trade-Off" zwischen den durch Drogenkonsum entstehenden sozialen Kosten und den eingesetzten Geldmitteln erreicht wird. Die sozialen Kosten lassen sich anhand zahlreicher Untersuchungen quantifizieren: Sie betragen mindestens 67 Dollar pro konsumiertem Gramm Kokain, wobei dies in einer "konservativen Schätzung" als untere Schranke angenommen wurde und Schmerzen und Leiden der Süchtigen nicht berücksichtigt wurden.

"Wehret den Anfängen"

Die bisherigen Analysen lassen eine Reihe interessanter Schlüsse zu. So etwa bestätigt sich die These, daß Prävention, Drogenpolizei und Therapie im Sinne der Gesamtkostenminimierung über einen vorgegebenen Zeitraum umso effiz ienter ist, je früher sie beginnt. Je länger also tatenlos zugewartet wird und der illegale Drogenmarkt sich selbst überlassen bleibt, desto höher sind die parallel dazu entstehenden sozialen Kosten. Sie sind im Nu wesentlich höhe r, als die Kosten zur Installation eines Frühwarnsystems, das ein zukünftiges Drogenproblem bereits von dessen Geburtsstunde an beobachtet und rechtzeitig Abwehr- und Kontrollmaßnahmen einleiten würde. Das würde auch die finanzie lle Belastung der Gesellschaft hintanhalten.

"Wartet man allerdings zu lang, so kann es passieren, daß der Point of no Return überschritten wird und eine Intervention zumindest für eine bestimmte Zeit sinnlos wäre", erklärt Gernot Tragler. Jede Drogenepidemie v erläuft nämlich wellenförmig und es gibt den marktwirtschaftlichen Konjunkturzyklen entsprechende Zeiträume, in denen ein kontrollierender Eingriff nicht oder nur wenig zielführend ist, weil dadurch immense Kosten entstehen ohne d araus entsprechende Vorteile oder Besserung zu lukrieren. Überdies entwickelt auch der Drogenmarkt eine Art "selbstreinigender Kraft", indem beispielsweise potentielle Einsteiger durch die auffälligen Merkmale der Schwersüchtigen abgeschreckt werden.

Zeitpunkt und Maßnahme korrelieren

Übrigens kann sich in der Anfangsphase einer Epidemie nicht nur der verzögerte Beginn einer Drogenkontrolle verheerend auswirken, sondern auch zu gering bemessene Budgetmittel. "Während bei entsprechend großzügigen Geldmi tteln in vielen Fällen langfristig ein Gleichgewicht mit geringem

Konsum angestrebt werden kann, endet man bei nicht ausreichendem Budget unweigerlich in einem Zustand, der durch hohen Konsum charakterisiert ist", erklärt Tragler den Mechanismus. Dies heiße jedoch nicht, daß zum Erreichen eines niedrigen Gleichgewichts insgesamt ein größeres Budget erforderlich sei. Es bedeutet allerdings, daß eine Regierung gut beraten ist, bereits ausreichend Geld und Mittel dann zur Verfügung zu stellen, wenn das Problembewußtsein in der Öffentlichkeit noch niedrig ist.

Darin liegt also die große Kunst der Politik: Permanente Aufklärungsarbeit zu leisten, Vorsorgemaßnahmen einzuleiten und mit Fingerspitzengefühl Budgetmittel zu einem Zeitpunkt loszueisen, wo sie noch schwer zu rechtfertigen sind. Dann nämlich bringen sie der gesamten Volkswirtschaft langfristig den größten Nutzen.

Anfragen: Univ.Prof. Dr.Gustav Feichtinger Technische Universität Wien Institut für Ökonometrie, Operations Research und Systemtheorie Argentinierstra8e 8 A-1040 Wien